The Libertines: „Anthems For Doomed Youth“

They just don’t make that kind of license anymore
That way of life anymore
That type of world anymore
(The Milkman’s Horse)

Wenn The Libertines nach elf langen Jahren ein drittes Studioalbum auf den Markt werfen, wird es wohl auch endlich wieder höchste Zeit für einen aktuellen Beitrag bei Vetorecords. Huhu, ja, wir leben noch, past Elvis quasi! Genau wie der nach einem in Thailand erfolgreich absolvierten Drogenentzug nun angeblich cleane Peter Doherty. Totgesagte leben eben länger. Und das Band einer richtig guten Männer-Freundschaft wie die der beiden Libertines-Gründer Doherty und Barât ist eben trotz aller vergangenen Zwistigkeiten doch nie ganz gerissen. So gab es bereits in den letzten Jahren vereinzelt immer mal wieder kurze gemeinsame Bühnen-Auftritte der beiden bis sie sich schließlich dazu entschlossen gemeinsam an neuen Songs zu arbeiten.

Bedingung für eine Libertines-Neuauflage war ein Drogenentzug Dohertys. Und genau dieser Entzug und die Rückbesinnung zu DER Indie-Rockband der 00er Jahre sind dann auch die bestimmenden Themen von Anthems For Doomed Youth geworden. Heißt also: Vergangenheitsbewältigung einer Band, die zwischen 2002 und 2004 neben zwei grandiosen, wegweisenden Alben auch einiges an Exzessen zu bieten hatte. Eine Gefühls-Achterbahn wie sie eben nur einer echten Rockband (vielleicht der letzten dieser Art) anhaften konnte. Und das hieß bei The Libertines konkret: hoffnungslose Romantik, Mythen- und Legendenbildung, harte Drogen, Eitelkeiten, Streitereien, Selbstzerstörung und Knast. Doch am Ende entstanden eben genau aus diesen Zutaten Songs mit zeitlos schönen Melodien und teils tiefgründigen, teils ironischen Texten aus unzähligen Tagebucheinträgen.

Eine Vergangenheitsbewältigung aber auch, was die Freundschaft der beiden Band-Gründer Carl Barât und Peter Doherty betrifft. Eine Freundschaft, die in ihrem Bestehen wohl am ehesten mit der von Mick Jagger und Keith Richards vergleichbar ist. Ein Jagger und ein Barât, die sich Substanztechnisch zwar auch jeweils ausprobiert hatten, aber im Gegensatz zu Richards und Doherty nie bis ans Limit gegangen waren und sich so ein ums andere Mal als Beschützer und Aufpasser bewähren mussten. Im Falle der Libertines führten Dohertys unkontrollierbare Ausfälle 2004 schließlich zum Rausschmiss aus der Band.

In der Vorabsingle „Gunga Din“ besingt Doherty nun auch direkt seinen langen, harten Weg weg vom Heroin, bevor ihm sein Freund Barât mit den vergebenden Worten „Oh, the road is long, if you stay strong, you’re a better man than I“ zur Seite springt. Hört man die Platte zum ersten Mal, lässt sie sich problemlos einreihen zu ihren beiden Vorgängern The Libertines und Up The Bracket – klassische Libertines-Hymnen, Singalong-Refrains und Lyrics, die romantisch-nostalgisch um die eigene Band-Geschichte kreisen.

Und dann merkt man schnell, das Album ist nicht nur ein Grower, voller großer und kleiner Momente, das mit jedem Hören noch mehr zündet, sondern auch ein Stück weit geerdeter als die ersten beiden Platten. Ob das retro-klassisch klingende „The Milkman’s Horse“, dessen „get ouf of my dreams you scum“-Refrain eine einzige Freude ist oder „Heart of the Matter“, ein raues Sing-along-Stück im Stile der Babyshambles oder auch das bittersüße „You’re my Waterloo“ mit ganz viel Dohery-Stimmen-Pathos – Anthems steckt voller abwechslungsreicher Überraschungen, die einmal mehr rechtfertigen, dass The Libertines es nochmal angepackt haben. „I wanted to make sure that everything I love about the band was represented. We wrote the album we needed to write“, stellte so dann auch Carl Barât über das Comeback-Werk fest.

Der Schmerz der Vergangenheit und das Aufatmen darüber die schwierigen Jahre nun überstanden zu haben sind die tragenden Säulen von des Albums. “Hold onto your dreams, however bleak it seems/ The world it may not listen but the devil may care,” heißt es im Titel „Fame and Fortune“, das die einstige Band-Geschichte mit einem Soldatenmarsch zum ganz großen Ruhm vergleicht („like tin soldiers responding to the call to Camden we will crawl“). Eine ironische Selbstreflektion einer Band, die nun dabei ist, sich ein neues Fundament, The Libertines 2.0., zu erschaffen. Selbstzerstörung und Selbstdemontage (auf der musikalisch-lyrischen Ebene) gehören dazu und sind natürlich auch gewollt, denn nur daraus kann auch wieder Neues entstehen. Sofern Mr. Doherty das mit den Drogen lässt. Und so sollten wir Album und Tour wohl erstmal einfach nur genießen, im Sinne von: Enjoy it while it lasts.

Key Tracks: „Fame and Fortune“, „Anthems for doomed Youth“, „Your’re my Waterloo“, „The Milkman’s Horse“, „Heart of the Matter“

Ein Gedanke zu „The Libertines: „Anthems For Doomed Youth“

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