Love is a Mixtape

Tja, das waren noch Zeiten, als man vor dem Radio saß und darauf gewartet hat, dass doch bitte endlich dieses eine Lied kommen möge, auf dass man jetzt schon so lang wartete. Denn dann konnte man den Song auf Kassette mitschneiden und musste ihn nicht käuflich erwerben. Außerdem hatte so eine selbst zusammengestellte Playlist doch auch viel mehr Persönlichkeit als eine gekaufte Compilation. Nervig nur, wenn der Moderator das Ende oder den Anfang des Liedes unnötigerweise durch Gequassel unterbrach. Aber das gehörte eben zu den einzukalkulierenden Störfaktoren eines professionellen Mixtapers.

Seine Blütezeit erlebte das Mixtape in den 1980er Jahren. Verliebte pubertierende männliche Wesen bespielten liebevoll Audiokassetten mit den schönsten Schmacht-Balladen, um damit das Herz ihrer Angebeteten zu erobern. Charts-Liebhaber saßen stundenlang vor ihrem Radio, um die aktuellsten Songs mitzuschneiden. Und dann gab es noch jene, die einfach ihren einzigartigen Musikgeschmack unter Beweis stellen wollten und ungebeten Mixtapes auf Partys und an Freunde verteilten.

Die Musikindustrie, die sich schon damals stets um wegbrechende Umsätze sorgte, reagierte auf den Mixtape-Hype mit der Protestbewegung „Home Taping Is Killing Music“. Dieser theatralische Slogan wurde außerdem noch mit dem Untertitel „und es ist illegal“ versehen, damit auch der Letzte verstand, dass mixtapen den Straftatbestand des Diebstahls bzw. des unerlaubten Vervielfältigens erfüllte. Ein Aufgreifen oder gar Vorgehen gegen den listigen Musikverbreiter war aber eher nicht zu befürchten. Die Kampagne sorgte eher für Aufbegehren und Spott, auch seitens vieler Künstler selbst. So gab es recht bald spöttische Abwandlungen des Slogans wie „Home Cooking Is Killing The Restaurant Industry“, die der Kampagne deren Absurdität aufzeigen sollten.

Wie wir wissen hat sich das Kopieren urheberrechtlich geschützter Inhalte inzwischen verselbstständigt. Heute spricht man von der „Raubkopie“. Und betrachtet man in welcher Schnelle nagelneue Filme und Alben inzwischen unerlaubterweise auf den Tauschbörsen umherfliegen, so erscheint das gute alte Überspielen und Mitschneiden auf Kassette lächerlich harmlos dagegen. Fast ein wenig niedlich. Und das war es ja auch irgendwie, haftete ihm, dem Mixtape, doch so etwas wie der süßliche Geruch der ersten unschuldigen Verliebtheit an. In das Mädchen mit den Sommersprossen. Oder in den Song, der auf der Kassette schon ganz leiernd klang, weil man ihn ständig zurückgespult und abermals angehört hatte.

Nun, ich gehöre einer Generation an, die das Mixtape noch kennt und die gleichzeitig innerhalb einer kurzen Zeitspanne eine Vielzahl technischer Erneuerungen erlebt hat. Als ich mit 18 Jahren mein erstes Auto hatte, war ich froh über meine alten selbst bespielten Audiokassetten, hatte mein Ford Fiesta doch schließlich nur ein Kassettendeck. Und ich konnte somit wieder eintauchen in meine Teenagerwelt. Jeder Song stand für ein bestimmtes Lebensgefühl.

Das Äquivalent zum Mixtape sind heute die Playlists auf diversen Mediaplayern auf dem Computer oder dem MP3-Abspielgerät. Wobei die Ausführung sich wesentlich zeitsparender gestaltet als dies noch zur Mixtape-Ära der Fall war. Und genau hier liegt vielleicht der Knackpunkt, warum dem Mixtapen ein Hauch des Besonderen anhaftete. Es war ein Ritual. Eine Zeremonie. Man musste sich Zeit nehmen. Man musste die Radiosendung hören, wollte man Lieder aufnehmen. Man hörte zu, wenn Songs überspielt wurden. Musik war ein kostbarer, seltener Schatz. Heute ist sie ständig zugänglich. Überall werden wir im Internet mit Musik überhäuft. So sehr, dass man manchmal gar nicht mehr richtig hinhört, weil man sich übersättigt fühlt. Musikhören geschieht dann oft nur noch nebenbei und gar nicht mehr richtig bewusst.

Die Möglichkeiten der Moderne sind auch in diesem Punkt mal wieder Fluch und Segen zugleich. Missen möchte ich die heutigen Standards nun auch nicht mehr und trotzdem bin ich froh, dass ich die Kassetten-Überspiel-Blütezeit noch kennenlernen durfte. Ja, es waren schon wirklich knorke Zeiten mit dir, liebes Mixtape!

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